Losung 2022

22-02-losung (Foto: Stefanie Bahlinger, Mössingen, www.verlagambirnbach.de)
«Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.» Joh 6,37 | Die Ökumenische
Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen hat die Losung für das Jahr 2022 ausgewählt. Vor drei Jahren – ohne zu wissen, dass es Worte für ein drittes Pandemiejahr sein werden.
Das neue Jahr hat begonnen. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne … ein klein wenig lässt uns das träumen. Von heilsamen Veränderungen. Wohlwissend, dass doch vieles beim Alten bleibt. Die Pandemie geht in ihr drittes Jahr. Gleich zu Beginn erwartet uns ein halsbrecherischer Ritt auf der Omikron-Riesenwelle. Ein mulmiges Gefühl. Werden wir es schaffen? Viele sind müde geworden. Herzen haben sich verhärtet. Streit flammt auf, Türen knallen zu.

«Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.» Die Worte, die Jesus zur Menge spricht, finden sich im Evangelium nach Johannes, der vielleicht anspruchsvollsten und schwierigsten Erzählung über das Leben Jesu. Weil deren Theologie so radikal ist. Kein Weg führt zu Gott, ausser der Weg der Liebe, verkörpert in Jesus, wie Johannes ihn darstellt. Ein Jesus, der die Türen stets offen lässt, niemanden abweist, sondern ungeachtet von Rang und Namen alle einlädt, zu ihm zu kommen, um Brot und Wein zu teilen. Selbst wenn es letztlich bedeutet, dass er dafür von seinen Feinden ans Kreuz gebracht wird. Sogar im Sterben wird dieser Jesus niemanden verfluchen, sondern sagen: «Es ist vollbracht!» (Joh 19,30)

So viel Theologie ist schwer zu verdauen. Sie erzählt denn auch vom Himmlischen: So ist Gott! Wir jedoch sind Menschen. Von uns wird nichts Unmögliches verlangt. Es wäre in dieser Pandemiezeit schon heilsam, den Unterschied zwischen Gott und Mensch zu begreifen. D.h., sich nicht anmassen, selber Gott zu sein und alles zu wissen. An Gott glauben bedeutet, um die Vorläufigkeit und Bruchstückhaftigkeit menschlichen Erkennens und Tuns zu wissen. Es bedeutet keineswegs, verleugnen zu müssen, was man für wahr und gut befunden hat. Aber es bedeutet, dass man bei allem Erkennen und Tun die Tür immer ein Stück weit offen lässt, um berührbar und veränderbar zu bleiben. Die Tür offen lassen – ein erster Schritt, um Gräben zu überwinden und der Welle doch noch gemeinsam zu trotzen.
Pfarrer Marc Stillhard